Die erfolgreichsten Derbypferd-Besitzer: Gestüt Schlenderhan

Horn (hbi) - Neben unzähligen passionierten Züchtern und Besitzern waren die großen staatlichen und privaten Vollblutzuchten in der fast 180 Jahre bestehenden deutschen Vollblutzucht und ihrem Rennsport die tragenden Säulen. Einige von ihnen existieren heute - nach jahrzehntelangem bedeutenden Einfluß - nicht mehr (wie zum Beispiel Erlenhof, Haniel und Waldfried). Das Gestüt Schlenderhan der Barone von Oppenheim jedoch hat sich trotz aller Strapazen der beiden Weltkriege, begleitet von Diskriminierungen und Inflationen, mit seiner 130jährigen Geschichte bis heute erhalten und wird hoffentlich auch weiterhin zu den Stützpfeilern der deutschen Vollblutzucht gehören.

Namensgeberin ist Maria von Schlenderhan, aus deren Erbmasse Freiherr Simon von Oppenheim das noch heute existierende Schloß Schlenderhan bei einer Versteigerung für 170.603 Taler erwarb. Es stammt aus dem Jahre 1733 und ist trotz aller baulichen Veränderungen (in jüngster Zeit vor allem durch den Braunkohlenabbau) immer noch der Mittelpunkt des traditionsreichen Gestütsgeländes. Vor genau 130 Jahren - 1869 - richtete Eduard von Oppermann den unmittelbar bei Quadrath-Ichendorf im Rheinland gelegenen Sommersitz der Familie als Vollblutgestüt ein. Fünf Jahre später - 1974 - gewann Schlenderhan schon das erste Besitzer-Championat, trotzdem waren die ersten Jahre, ja Jahrzehnte, eher geprägt von Experimenten. Besonders breiten Raum nahm der Hindernissport ein, denn Eduard von Oppenheim kaufte seinerzeit gleich zwei Grand-National-Sieger.

Trotzdem kristallisierte sich Schlenderhan immer mehr als eines der führenden Vollblutgestüte Deutschlands heraus. Eduard von Oppenheim selbst war verantwortlich für eine ganze Reihe hervorragender Pferde, wie zum Beispiel Dorn, 1892 Sieger im Henckel-Rennen und St. Leger, oder Saphir, den ungeschlagenen Wiener Derby-Sieger, der in der Freudenau praktisch auf drei Beinen gewann. Nicht zu vergessen Maria, die in den Annalen oft als beste Stute des 19. Jahrhunderts bezeichnet wird. Rennpferde gehörten seinerzeit in der feinen Gesellschaft zum guten Ton. Von Beginn an hatte Schlenderhan großen Erfolg, gewann zweimal das damals sehr bedeutende Wiener Derby, im Deutschen Derby aber war es vom Pech verfolgt: Reihenweise verletzten sich Schlenderhaner Derbyfavoriten.

39 Jahre mußte das Gestüt Schlenderhan, auf der linken Rheinseite bei Bergheim an der Erfft gelegen, trotzdem auf seinen ersten Sieg im Derby warten. 1908 war das Gestüt dann erstmalig erfolgreich mit dem Hengst Sieger unter Jockey G. Stern. Diesen Sieg erlebte Eduard von Oppenheim, der zweifelsohne die Grundlagen für die spätere Entwicklung legte, noch mit. Ein halbes Jahr später, im Januar 1909, starb der Gestütsgründer.

Sein Sohn Simon Alfred von Oppenheim, eine der markantesten Persönlichkeiten in der Geschichte des deutschen Turfs, führte schließlich das Gestüt Schlenderhan an den Gipfel. In seine Ära fielen die vier Derbysiege von Ariel 1914 mit Jockey G. Archibald, Marmor 1918 mit dem beliebten Jockey Otto Schmidt, Mah Jong 1927 mit Jockey E. Pretzner und Alba 1930 unter Jockey J. Munro. Am Ende des ersten Weltkrieges waren die Schlenderhaner Pferde wegen der französischen Besetzung des Rheinlandes im Gestüt Görlsdorf in der Uckermark evakuiert.

Im Jahr 1927 kam mit Oleander einer der größten Schlenderhaner Galopper aller Zeiten zur Welt. Der herausragende Galopper des Gestüts und sogar seiner Zeit hätte sein Leben fast bei einem frühen Unfall verloren. Deshalb mußte Oleander als Dreijähriger fast völlig geschont werden, verpaßte so das Deutsche Derby, holte aber später alles mehrfach nach. Allein dreimal hat er den Großen Preis von Baden in Iffezheim gewonnen, er schlug sich erfolgreich mit den Weltbesten im Pariser Arc de Triomphe.

1932 übernahm Florence von Oppenheim nach dem Tod ihres Mannes Simon Alfred für einige Jahre das Gestüt. Als auch sie 1935 verstarb, bestimmte ihr Sohn Waldemar von Oppenheim in dritter Generation die Geschicke des Gestüts. Eine enge Zusammenarbeit pflegte er mit Robert Pferdmenges, dem späteren Berater Konrad Adenauers. Glanzvolle Jahre folgten mit dem Derbysieg von Sturmvogel 1935 mit Jockey W. Printen und der ununterbrochenen Serie von Derbysiegen von 1938 bis 1941 mit Orgelton 1938, Wehr Dich 1939, Schwarzgold 1940 und Magnat 1941, alle geritten von Jockey Gerhard Streit.

Nach einem Jahr Pause gewann 1943 Allgäu, wieder geritten von Gerhard Streit, das Deutsche Derby. Seinerzeit firmierte das Gestüt Schlenderhan als SS-Gestüt, denn Waldemar von Oppenheim konnte dem Druck des Nazi-Regimes nicht widerstehen und Schlenderhan wurde enteignet. Dank der Hilfe guter Freunde konnte die Familie die Jahre bis zum Kriegsende überstehen. Nach den Wirren des 2. Weltkrieges fand man im Gestüt Altefeld in Herleshausen bei Kassel Aufnahme. Hier ist auch der legendäre Hengst Oleander auf einem vereisten Weg verunglückt.

Nach dem Kriege lief die Vollblutzucht in Deutschland nur sehr langsam wieder an. Aber gegen Ende der vierziger Jahre war das Gestüt Schlenderhan wieder voll da. 1948 schaffte Aralia wieder den ersten klassischen Sieg, es folgte das famose Stutenpaar Asterblüte und Aubergine, das 1949 alle klassischen Rennen fürs Gestüt gewinnen konnte. Jockey W. Held gewann mit Asterblüte 1949 das Deutsche Derby.

Im Jahre 1952 ist Waldemar von Oppenheim im frühen Alter von 58 Jahren auf dem Weg von Schlenderhan in die Oppenheim-Bank nach Köln verstorben. Man nannte es seinerzeit den "Managertod". Nicht nur für seine Familie sondern für das ganze Gestüt Schlenderhan war es ein großer Schock. Eduard, Simon-Alfred und Waldemar waren auch die Chefs des Bankhauses, das in der Nazi-Zeit 1938 seinen Namen in Pferdmenges-Bank ändern mußte. Waldemars Witwe, Baronin Gabrielle von Oppenheim, die für dreieinhalb Jahrzehnt die Geschicke des Gestüts lenken sollte, übernahm übernahm mit Verve das Gestüt, vor allem aber stand ihr der Tecklenburger Bauernsohn Ewald Meyer zu Düte zur Seite. Damals 36 Jahre alt, im Winter 1941/42 schwer verwundet, der linke Arm blieb im Krieg. Trotzdem ritt er mit einer Prothese Dressur, fuhr Gespanne. "Tüten-Meyer" wie man ihn in der Szene nannte, wurde Schlenderhan. So meldete er sich auch am Telefon in seinem kleinen Büro im Schloß. Jeder wußte ohnehin, wer dran war: "Tütenmeyer", der Magier aus Schlenderhan. Er stellte den Hengst Birkhahn in Schlenderhan auf, Derbysieger des Jahres 1948 und in der damaligen DDR als Vererber nicht erkannt. Blut ist der Saft, der Wunder schafft: für Schlenderhan war es das Blut von Birkhahn. Über seine Abstammung sind Deckhengste in Serie produziert worden.

Meyer zu Düte hat sie alle untergebracht: verkauft, verpachtet - aber niemals zu einem Dumpingpreis abgegeben. Schließlich waren es Schlenderhaner, und die wurden nie verschleudert. Rief ein ihm nicht bekannter Interessent an, kam diese Frage: "Wieviel Geld haben Sie denn?" - Erschien ihm der mögliche Kunde finanziell ausreichend potent, durfte er auch nach Schlenderhan kommen.

Die alten Tennisplätze hinter dem Schloß bestaunen, auf deren roter Asche die Baronin mit Gottfried von Cramm und Henner Henkel das Racket schwangen. Den berühmten Pferde-Friedhof besichtigen - mit den echten Gräbern der berühmten Schlenderhaner Pferde Saphir (1894-1916), Danubia (1902- 1916), und Orchidee (1910- 1932). Meyer nahm Haltung an und den Hut ab. Die gleiche Zeremonie wiederholte sich vor den Gräbern der Barone Oppenheim und Ullmann auf dem Gestütsgelände. Meyers berühmter Spruch: "Mit dem Blick zu den Koppeln, wo einst Oleander seine Runden drehte." Die weiten Wege im Gestüt legte er mittels Auto mit einem Handknauf am Steuer zurück - das alte Ding soll noch heute von Meyer zu Dütes Nachfolger Jürgen Erbslöh benutzt werden, aber ohne Knauf.

Der Auftakt der Zeit unter Gabrielle von Oppenheim war 1953 mit dem Derbysieg von Allasch zwar recht verheißungsvoll, aber eine Durststrecke sollte folgen. Erst jetzt wirkte sich der Aderlaß bei der deutschen Vollblutzucht durch die Kriegsjahre aus. Erst Ende der sechziger Jahre ging es mit Gestüt Schlenderhan wieder bergauf. Zum hundertjährigen Jubiläum - 1969 - gewann Don Giovanni mit Jockey B. Taylor das 100. Deutsche Derby. Zwei weitere Pferde, Alpenkönig und Lombard, beherrschten 1969 ihren Jahrgang und Priamos sogar die internationales Turfszene. Zu Beginn der siebziger Jahre war Lombard der unangefochtene König im Schlenderhaner Stall.

Bis in die zweite Hälfte der siebziger Jahre beherrschte Schlenderhan den Galopprennsport in Deutschland. 1976 gewann Stuyvesant unter Jockey Ralf Suerland das Deutsche Derby, dann fingen andere, teilweise neu gegründete Ställe, an, Schlenderhan den Rang abzulaufen.

Insgesamt gewannen sechzehn Pferde unter den schwarz-blau-roten Farben des Gestüts Schlenderhan das "Blaue Band". Das entsprach immerhin einem Durchschnitt von "jedes neunte Jahr ein Derbysieger"! Mit diesen Erfolgen steht das Gestüt Schlenderhan unangefochten an der Spitze. Den zweiten Platz belegt das Gestüt Graditz mit 12 Derbysiegern (zuletzt im Jahr 1937) und den dritten das Gestüt Erlenhof mit 8 Derbysiegern (zuletzt 1957). Man sieht, der Vorsprung ist auch in den nächsten Jahren nicht einzuholen.

Hier nun die sechzehn Derbysieger auf einen Blick:
1908 Sieger unter Jockey G. Stern, trainiert von H. Brown,
1914 Ariel unter Jockey G. Archibald, trainiert von A. McCreery,
1918 Marmor unter Jockey Otto Schmidt, trainiert von A. McCreery,
1927 Mah Jong unter Jockey E. Pretzner, trainiert von George Arnull,
1930 Alba unter Jockey J. Munro, trainiert von George Arnull,
1935 Sturmvogel unter Jockey W. Printen, trainiert von George Arnull,
1938 Orgelton unter Jockey G. Streit, trainiert von George Arnull,
1939 Wehr Dich unter Jockey G. Streit, trainiert von George Arnull,
1940 Schwarzgold unter Jockey G. Streit, trainiert von George Arnull,
1941 Magnat unter Jockey G. Streit, trainiert von George Arnull,
1943 Allgäu unter Jockey G. Streit, trainiert von George Arnull,
1949 Asterblüte unter Jockey W. Held, trainiert von George Arnull,
1953 Allasch unter Jockey A. Lochow, trainiert von Hein Bollow,
1969 Don Giovanni unter Jockey B. Taylor, trainiert von H. Jentzsch,
1970 Alpenkönig unter Jockey P. Kienzler, trainiert von H. Jentzsch,
1976 Stuyvesant unter Jockey Ralf Suerland, trainiert von H. Jentzsch.

Wenn man die Liste der Derbysieger betrachtet, fällt es auf, daß Schlenderhan es geschafft hat, stets den Sieger zu stellen, wenn das Deutsche Derby Jubiläum feierte: Marmor 1918 im 50. Derby, Allgäu 1943 im 75. und Don Giovanni 1969 im 100. Deutschen Derby. Obwohl das Gründungsjahr von Schlenderhan mit der ersten Austragung des Derbys identisch ist, blieb es Schlenderhan aber versagt, beim letzten Jubiläum das "BMW 125. Deutsche Derby" zu gewinnen. Unvergessen ist auch der überlegene Sieg der Stute Schwarzgold im Deutschen Derby am 30. Juni 1940, als sie das Rennen mit zehn Längen Vorsprung gewann.

Die Bedeutung dieser Zuchtstätte erkennt man daran, wie oft sich Schlenderhan in die Siegerliste eintrug, zum Beispiel im Deutschen St. Leger, im Großen Preis von Berlin, je im Großen Hansa-Preis und Henckel-Preis, im Union-Rennen und im Preis der Diana beziehungsweise im Preis der Winterfavoriten. Unter den Siegen im Großen Preis von Baden sind drei Erfolge des Ausnahmehengstes Oleander, der zusammen mit Alba, Lombard, Alpenkönig und der großartigen Stute Schwarzgold zu den herausragenden Produkten der Schlenderhaner Zucht zählt.

Große Beständigkeit und Zuverlässigkeit dieser auch international bewährten Zucht beweisen drei andere Gesichtspunkte. Von gleicher Begeisterung für die Pferdezucht waren in der Folge der Gründer Eduard von Oppenheim, Simon Alfred von Oppenheim, Florence von Oppenheim, Waldemar von Oppenheim und Gabrielle von Oppenheim, die Gestütsherren.

In der Gestütsleitung gab es bislang vier hervorragende Sachkenner: den Engländer George Castle (1893 bis 1927), Kurt Graf Sponeck (1928 bis 1953) , Ewald Meyer zu Düte (1954 bis 1990) und jetzt Dr. Jürgen Erbslöh.

Meyer zu Düte war immer für eine Überraschung gut. 1985 gewann der Schlenderhaner Hengst Anatas in Iffezheim das eher harmlose Spreti-Rennen. Der Gestütsleiter erschien vor der erstaunten Presse und verkündete sichtlich bewegt: "Das war der 4.000 Schlenderhaner Sieg. Ein Weltrekord." Die Journaille war verblüfft. Keiner konnte das jemals nachrechnen und am Tag darauf war in allen Zeitungen vom Schlenderhaner Weltrekord zu lesen.

Zufrieden begab er sich nach der Rennwoche wieder zur Kur in Dengler’s Klinik nach Baden-Baden. Sein Schlenderhan stand im Mittelpunkt. Dort, wo es hingehört. Meyer erlebte auch noch den großen Einfluß der Schlenderhaner Vollblutzucht auf die internationalen Rennen: die Erfolge von Slip Anchor und Sagace im englischen Derby von Epsom und im "Arc" von Paris. Auch die Stute Urban Sea (Arc-Siegerin von 1993) geht auf Schlenderhaner Blut zurück. Der erfolgreiche Trainer Henry Cecil hat einmal gesagt, er kenne aus Deutschland nur Schlenderhan, die Stute Schönbrunn und Meyer zu Düte ...

1990 ist Meyer zu Düte gestorben - und der letzte Schlenderhaner Derbysieg ereignete sich 1976 durch Stuyvesant mit Jockey Ralf Suerland, von Heinz Jentzsch trainiert.

Bei den Trainern haben George Arnull und Heinz Jentzsch jeweils über ein Vierteljahrhundert die Zügel in der Hand gehabt. Heinz Jentzsch, der Nachfolger des berühmten George Arnull (9 Derbysiege), hat später für die Gestüte Fährhof (Lagunas 1984, Acatenango 1985), Bona (Zauberer 1978) und Ittlingen (Lando 1993) das Derby gewonnen, für Schlenderhan nicht mehr.

In der Endphase seines Schaffens sind auch dem Magier Meyer zu Düte züchterische Fehleinschätzungen unterlaufen, die in der komplizierten Materie Vollblutzucht nur schwerlich kurz und mittelfristig reparabel sind. In Schlenderhan hat sich nach dem Tod von Meyer - 1990 - und der Baronin Gabrielle von Oppenheim - 1988 - viel verändert. Ihre Tochter, Baronin Karin von Ullmann, führt die Tradition weiter. Das Bild des Gestüts hat sich in der Zwischenzeit grundlegend geändert. Durch die vorrückenden Bagger des Braunkohlereviers mußte Ausgleich geschaffen werden. Das gewohnt traditionelle Erscheinungsbild änderte sich sehr nachhaltig. So wurden Neubauten erstellt, Koppeln neu angelegt und mit dem Erwerb von Disternich bei Düren als Aufzuchtstätte für Jährlinge neue Wege beschritten. Modernste Stallungen wurden gebaut. Schlenderhan ist für das Jahr 2000 und später gerüstet.

(30.05.2003)


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