Gerhard Streit - einer der größten Jockeys

Horn (fcm) - Er gehört nicht zum "Club der 1.000 Sieger" und seine Popularität erreichte kaum die eines Otto Schmidt, Fritz Drechsler oder "Hein" Bollow. Dennoch war Gerhard Streit einer der bedeutendsten Jockeys, die der Turf je hervorgebracht hat. Es sind auch nicht seine über 900 Erfolge, die seine große Reiterkarriere auszeichnen, sondern sein großes Einfühlungsvermögen für die ihm anvertrauten Pferde, sein taktisches Gespür im Rennen und seine starke Finishkraft waren unübersehbar. Gerhard Streit überschätzte dabei nie die Leistungskräfte seiner Pferde. Vom Peitschengebrauch hielt er nicht viel. Wenn er merkte, daß sein Pferd in der entscheidenden Phase eines Rennens nicht mehr mithalten konnte, dann nahm er die Hände herunter. Diese Entscheidung, die nur der in Sekunden zu fällen hat, der im Sattel sitzt, wurde ihm von manchem Besitzer oder Trainer der Pferde, die er ritt, oftmals als ungenügender Ehrgeiz und ungenügende Chancenwahrnehmung angekreidet.

Vielleicht trug diese seine Einschätzung von Sieg und Niederlage auch zu seinem zurückhaltenden, in sich verschlossenen und oft unnahbar erscheinenden Wesen bei. Acht Derbysieger geritten zu haben – diese Leistung von Gerhard Streit wird noch lange Bestand haben. Seine Erfolgsserie begann 1938 mit Orgelton, einem Schlenderhaner, nicht ahnend, daß daraus eine im Deutschen Derby bislang unerreichte Vierer-Serie werden sollte.

Denn 1939 folgte mit Wehr Dich der zweite Coup, ein Jahr darauf 1940 mit dem "Galoppierwunder" Schwarzgold der dritte Streich und schließlich 1941 mit Magnat, der als Fohlen zunächst den merkwürdigen Namen "Mit Rückenwind" trug, das vierte Blaue Band. Alle vier Derbysieger kamen aus dem Rennstall des Gestüts Schlenderhan, Trainer George Arnull.

Seine Reiterlaufbahn, die er mit einer Ausbildung beim Gestüt Waldfried begonnen hatte, war im Wesentlichen mit den Engagements bei Waldfried, Schlenderhan und Erlenhof verbunden. Für die blau-weißen Farben des 1981 aufgelösten Rennstalles des Gestüts Waldhof ritt er 1952 Mangon und 1961 Baalim zum Sieg in Horn, wo er schon 1943 den Schlenderhaner Allgäu zum Erfolg gesteuert hatte.

Als die Bombenschäden auf der Horner Rennbahn noch nicht beseitigt, dort noch britische Militärfahrzeuge stationiert waren und das Derby in München zu Gast war, saß auf dem München-Riemer Linkskurs Gerhard Streit im Sattel von Birkenhofs Hengst Solo (1946).

Acht Derby-Siege in Deutschland! Dazu kommen noch drei Erfolge im Österreichischen Derby auf der Wiener Freudenau mit Octavianus (1939), 1942 mit Erlenhofs Ausnahmehengst Ticino und 1943 mit Allgäu. Die Genialität und die Erfolge, die ihn im Rennsattel auszeichneten, blieben ihm als Trainer in Neuss und später in München versagt. Er kehrte nach Köln zurück, zog sich immer mehr vom Rennsport zurück, enttäuscht und resignierend, geplagt von finanziellen Sorgen.

Kurz nach Vollendung seines 63. Lebensjahres starb in Verbitterung und Not mit Gerhard Streit ein Mann, der zu den bedeutendsten Männern seines Faches im deutschen Rennsport zu zählen ist, der in jeder Siegerliste der größten deutschen Prüfungen zu finden ist, zum Beispiel auch im Hamburger "Großen Hansa-Preis" mit Janus (1935), Walzerkönig (1939), Octavianus (1940), Fabier (1955), Masetto (1956) und Traumgeist (1957) im toten Rennen mit Magus.

(29.05.2000)


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